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Hochleistungssport: Trends, Probleme, Lösungsversuche

Der moderne Hochleistungssport befindet sich in einer kritischen Entwicklungsphase. Für viele Kritiker sind ihm Maß und Ziel verlorengegangen. Doping, Unfairneß und Erfolgssucht hätten, so wird argumentiert, die klassischen Sinnmuster des Leistungssports verdrängt. Beim Streben nach Rekord und Höchstleistung werde mittlerweile der Erfolg allzu sehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Letzten Endes verkürze sich der Leistungsbegriff im Hochleistungssport auf das Überbietungs- und Konkurrenzprinzip und fördere dadurch eine nüchterne Zweckrationalität, die nicht nur den Athleten vom Produkt seiner Leistung, sondern auch die Sportler voneinander entfremde. Um beurteilen zu können, ob und inwieweit diese Kritik berechtigt ist und das Maß im Hochleistungssport wirklich verlorenzugehen droht, werden zunächst seine klassischen Orientierungswerte und Sinnmuster aufgezeigt. Danach werden die Entwicklungstendenzen im Spitzensport der letzten 30 Jahre skizziert. Schließlich werden Lösungsvorschläge zu den wichtigsten Problemen unterbreitet, die diese Trends auslösten. Grundprämisse ist hierbei, daß trotz Kommerzialisierung, Politisierung und Medialisierung des Spitzensports seine tragende Sinnmitte ein normativ-ethischer Wertemaßstab sein und bleiben sollte, der Fairneß und die Achtung der Person des Athleten zu tragenden Leitmotiven erhebt. Als Resumee kann somit festgehalten werden, daß in den letzten Jahrzehnten eine "Hypertrophie der Leistungssteigerung" stattfand, die - letztlich verursacht und vorwärtsgetrieben durch die Vergesellschaftung des Leistungsports zum öffentlichen Ereignis - ein Wegdriften des Spitzensports von seinem klassischen Sinnanspruch nach sich zog. Die Folge war eine tendenziell bedenkliche Entwertung seines Moralanspruchs durch Doping, Unfairneß und Erfolgssucht sowie eine wachsende Bedrohung seiner Autonomie durch Politik, Wirtschaft und Medien, die durchaus das Potential seiner restlosen Veräußerlichung und Entfremdung in zeitangepaßten Gladiatorenkämpfen in sich birgt. Wer eine solche Entwicklung vermeiden möchte, darf sich nicht auf die Position zurückziehen, Moralbegriffe des Sports für Jedermann könnten nicht auf den Hochleistungssport übertragen werden. Noch dürfen sich dessen Akteure durch den Verweis auf analoge Tendenzen in der Gesellschaft aus der Verantwortung für ihr Tun davonstehlen. Vielmehr müssen durch die Setzung normativer Maßstäbe Grenzlinien gezogen werden, die der inhumanen und fremdbestimmten Wucherung seiner Strukturen Einhalt gebietet. So gesehen ist das Leistungsethos kein Fossil einer untergegangen Epoche, das nur noch der ideologischen Verschönerung des Spitzensports dient, vielmehr stellt es nach wie vor sein unverzichtbares Wertezentrum dar, das es trotz aller Verfehlungen und Beeinträchtigungen zu verteidigen gilt. Als Chance für die Zukunft wird sich die derzeitige Sinnkrise des modernen Hochleistungssports indes nur erweisen, wenn die aufgezeigten Problemlösungsstrategien nicht nur in Festtagsansprachen rezipiert werden, sondern als strukturelle Vorgaben in einem Prozeß der aktiv-gestaltenden Reorganisation auch sportpolitisch um- und durchgesetzt werden.
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Trainingswissenschaft Theorie und gesellschaftliche Grundlagen Sportgeschichte und Sportpolitik
Veröffentlicht in:Leistungssport
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: 1997
Ausgabe:27(1997)1, S. 58-62
Online-Zugang:https://open-archive.sport-iat.de/ls/lsp97_01_58_62.pdf
Jahrgang:27
Heft:1
Seiten:58-62
Dokumentenarten:Artikel
Level:hoch